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Offener Brief an MdL Franz Josef Pschierer

Inakzeptables Statement auf Facebook, unwürdig für einen MdL und Präsident des Allgäu-Schwäbischen Musikbunds.

Sehr geehrter Namenskollege Franz Josef Pschierer,

lange Zeit hatten wir einen vergleichbaren Lebensweg und teilen auch viele Interessen in Politik, Gesellschaft und Kultur. Beide sind wir musikalisch aktiv und das auf dem gleichen Instrument - der Posaune.

Respektvoll freute ich mich, dass Sie sich für das kulturelle Leben, im insbesondere der Blasmusik, einsetzen (AZ vom 6. März 2021), auch weil Sie der Präsident des Allgäu Schwäbischen Musikbunds sind, dem unter anderem der Bezirk 1 - Kempten angehört.

Was ich jedoch heute auf Facebook und auf Ihrer Internetseite in Bezug auf Lehrkräfte lesen musste, verschlägt mir die Sprache. Einen solchen geschmacklosen und realitätsfernen Beitrag hätte ich nie von Ihnen erwartet.

Vertreter von Berufsgruppen haben die Aufgabe, auf sich aufmerksam zu machen und sich für die eigenen Menschen einzusetzen. Nichts Anderes hat der Lehrerverband getan. Dies als "unverschämtes Ultimatum der Lehrer" abzutun, wie die Süddeutsche am 23.03.2021 tat, geht an der Realität und der Erwartungshaltung nicht nur des betreffenden Berufsverbands, sondern auch an vielen anderen Gruppen und Menschen des gesellschaftlichen Lebens vorbei.

Die Politik, die wir derzeitig erleben, hat wenig mit dem gemein, was wir selbst von Deutschland kennen und erwarten. Wurde der Berliner Flughafenneubau gerne als Desaster Berliner Politik abgetan, so zeigt sich in dieser Pandemie, dass die gesamte Politik und Verwaltung Deutschlands und der EU kein Verständnis für Krisensituationen aufweist. Das Impf-, Masken- und Testdesaster kommt nicht von ungefähr. Ein Hü und Hot, welches definitiv kein Vertrauen in die Politik als Gesamtes befördert. Gleichzeitig legt es auch offen, dass die Politik ebenso kein Vertrauen in die Leistungsfähigkeit der Gesellschaft hat. Dabei zeigen Umweltkatastrophen, dass lokale Akteure genau wissen, was zu tun ist, wenn es darauf ankommt zu helfen.

Gleiches betrifft die Lehrer Bayerns. Selten wurden diese in einer atemberaubenden Geschwindigkeit vor die Tatsache gestellt, praktischen und theoretischen Unterricht umzustellen und praktische Erfahrungen im digitalen Unterricht erlebbar und vermittelbar zu machen. Gleichzeitig werden die Schulen auf Druck von Eltern, Gesellschaft und Politik geöffnet, wobei vielen definitiv klar ist, dass Hygienevorschriften selten bis gar nicht eingehalten werden können. Selbst die vorgegebenen Masken-, Lüftungs- und Abstandskonzepte sind nur aus der Not geboren und bieten keinen Schutz gegenüber Infektionen.

Es zeigt sich schon kurz nach den Schulöffnungen, dass Schulen und Kindertagesstätten genauso wie Großraumbüros zu den Infektionsbschleunigern gehören. Dass Lehrkräfte sich einem solchen hohen Risiko ausgesetzt fühlen und sind, sich hier nicht wohl fühlen, dürfte wohl überaus verständlich sein. Dass Lehrerverbände in den Forderungen Klartext reden, verwundert nicht.

Darüber herziehen und angebliche Vorteile verbeamteter Lehrer aufzuzählen, stellt die Frage, wie die eigene Situation selbst bewertet wird? Bayern hat sich entschieden, Lehrkäfte zu verbeamten - auch wenn dies nicht mehr Standard ist. Dafür erwartet der Freistaat eine vernünftige, zukunftsgewandte Unterrichtsgestaltung, frei von geschönten Noten und unabhängig vom Geldbeutel. Es liegt nicht an den Lehrkräften, dass so manche moderne Ausstattung aus den 90er Jahren stammt, sondern an der politischen Ausgestaltung.
Durch Engagement vieler Lehrkräfte und aktiven lokalen Politikern sind viele Schulen auf einem guten Stand. Dass bei der digitalen Ausgestaltung hauptsächlich digitale Privatgeräte eingesetzt werden, vergisst die Politik sehr gerne. Da die digitale Infrastruktur ebenso größtenteils privat organisiert und bezahlt ist, ist der Politik eigentlich bekannt und wird auch bewusst geduldet. Dass Lehrkräfte selbst vielfach keine Dienst-Emailadressen haben überrascht in der heutigen modernen Zeit doch ungemein.

Lieber Franz Josef, dein Post und die heutige Politik im Gesamten lässt eine gesamtheitliche Denk- und Handlungsweise vermissen. Polemisch und auch noch beleidigend gegenüber der Berufsgruppe Lehrer zu schreiben, zeigt umso mehr die Hilfslosigkeit der man selbst ausgesetzt ist. Denn "Wer keine Argumente mehr hat, beleidigt".
Die Aufgabe der Politik ist es, Wege aus Krisen zu finden und das mit demokratischen Mitteln, und vor allem Vertrauen in Kompetenz, Personen und Gesellschaft. Aus allen Krisen - auch einer Pandemie - gibt es Mittel und Wege, die das Leben der Gesellschaft und ihrer Menschen unterstützen, schützen und die freiheitlichen Grundrechte wahren. Hierzu bedarf es jedoch mehr technischen, logischen und logistischen Sachverstand, gepaart mit Verantwortung und Vertrauen in Kraft und Engagement einer Gesellschaft und ihren Einrichtungen. Hierzu zählt auch ein Katastrophenschutz, für dessen Aktivierung die Politik bis heute keine Lösung und Wege beschritten hat, um diesen zu aktivieren.

In der Blasmusik gilt, dass nur dann eine Harmonie entsteht, wenn jeder sein eigenes Können, den eigenen Klang und sein eigenes Engagement zum gemeinsamen Ziel beisteuert. Ihr Post auf Facebook gehört nicht dazu und stört die Lösungsfindung für einen Ausweg aus der Pandemie. Denn nicht nur ich vermisse den Klang unserer Instrumente in den Orchestern und Musikvereinen unserer Gesellschaft, Schulen, Kirchen und Gaststätten, sondern auch viele andere Menschen unserer Gesellschaft.

Daher fordere ich Sie auf, alles dafür zu tun, dass Impfung und Testung sinnvoll und schnell umgesetzt werden und Versprechungen eingehalten werden. Nur so können die geschürten Erwartungen der Gesellschaft erfüllt werden und die harmonischen Klänge der Gesellschaft wieder erklingen.

Ich verbleibe mit musikalischen Grüßen,

Franz Josef Natterer-Babych
(Stadtrat Kempten und Bundestagskandidat der ÖDP für den Wahlkreis Oberallgäu - Kempten - Lindau)